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Jan Garbarek: "Meine Lebensphilosophie: Improvisiere! Und sammle so viel Wissen und Erfahrung wie möglich."
Den Klang seines Saxophons kennt man
unter allen anderen heraus: Ein kräftiger und dennoch filigraner, ein
durchdringender und dennoch poetischer Ton, der, wie mit Pinsel und kräftiger
Palette gemalt, inzwischen ein Eigenleben führt. Wohl hört man noch seine
Jazzursprünge, doch der Schauplatz ist insgesamt weiter geworden: Gerade im
weltmusikalischen Kontext – von Skandinavien über Amerika, Afrika und Asien –
brilliert Garbareks Sopransax in müheloser Verbindung mit dem exotischsten
Instrumentarium. Derzeit auf Tour in Deutschland, veröffentlicht er in diesen
Wochen sein Album „In Praise Of Dreams“.
sonic: Bereits seit Jahresbeginn bist
du mit deiner Tourband unterwegs, die seit vielen Jahren mit Marilyn Mazur
(perc), Eberhard Weber (bass) und Rainer Brüninghaus (keys) konstant besetzt
ist. Dient die gleich bleibende Bandkonstellation dem Sound, der Bühnenpräsenz
und eventuell auch als Vorbedingung für einen gelungenen kollektiven
musikalischen Ausdruck?
J. Garbarek: Von Bedeutung ist es im
Grunde für all die genannten Dinge. Andererseits jedoch ist es auch vollkommen
unwichtig – es hängt einfach davon ab, ob sich eine musikalische Veränderung
anbahnt. Ist ein tatsächlicher, qualitativer Richtungswechsel nötig, dann
brauchst du vielleichtandere
Mitspieler! Solange du aber zufrieden bist und überzeugt, dass bestimmte
Musiker deiner Vorstellung förderlich sind, solltest du bei ihnen bleiben. Mir
begegnen immer wieder eine Menge Künstler, die sehr kurzlebig agieren: Schwupp,
schon sind sie mit neuer Besetzung wieder auf dem Weg zum nächsten Projekt.
Trotzdem spielen sie immer die gleiche Musik, betreiben also Veränderung der
Veränderung willen. Das macht in meinen Augen wenig Sinn. Hat man Musiker mit
solch vielseitigen Klangspektren, wie jene, die mit mir unterwegs sind, so ist
es wunderbar was man alles umsetzen kann. Von daher sah ich nie eine
Notwendigkeit anderswo nach Leuten zu suchen. Für das gerade eingespielte Album
und die Alben davor, habe ich andere Besetzungen gewählt. Die sind aber nicht
auf die Bühne ausgerichtet, es handelt sich um konzeptionell sehr anders
gelagerte Projekte. Für ein Konzert benötigst du einen bestimmten Grad an
Virtuosität und eine Menge Dynamik, eine Menge „Highs“ und „Lows“ sozusagen.
Ein Album, dem man eher zuhause zuhört, ganz für sich, kann in dynamischer
Hinsicht mehr auf einheitlichem Niveau sein: Nimm beispielsweise „Coltrane
Ballads“ oder „Bill Evans live at the Village Vanguard“ – da gibt es schnelle
und langsame Stücke. Aber das Temperament der Songs an sich ist gleichmäßig.
Man kann sich so etwas gut im Ganzen anhören. – Ebenso gibt es andere Alben,
die ich mit meiner Tourband aufgenommen habe, die mehr der Live-Situation
entsprechen: zunächst ein langsames, dann ein schnelles Stück, danach ein
kräftiges Stück, dann ein softeres. In dieser Hinsicht ist mehr Dynamik
vorhanden.
sonic: Du spielst verschiedene
Saxophone, vorwiegend aber das Sopran- und das Tenorsax. Bestimmt die Stimmung
eines Stückes die Wahl des Instruments oder ist es auch andersherum – kommt
manchmal also zuerst die Instrumentenwahl und dann das Stück?
J. Garbarek: Ein klares „sowohl als
auch“ – je nachdem (lacht)! Aber in erster Linie ist es das akustische Timbre,
die Klangfarbe, eines Stückes die entscheidend ist – und welche weiteren
Instrumente noch mit dabei sind. Ich habe beispielsweise ein paar Alben mit dem
„Hillard Ensemble“ eingespielt, einer britischen Gesangsgruppe. Das sind drei
Tenöre und ein Counter-Tenor. Würde ich dann das Tenorsax spielen, wird es in
diesem Register einfach zu überladen. Daher verwende ich in dieser
Konstellation zu 95 Prozent das Soprano. Es gibt mir sehr viel Freiheit höher
zu gehen, sozusagen über den Sängern meine Saxophonklänge schweben zu lassen.
Das schafft letztendlich mehr Raum! Eine ganz andere Sache ist es, wenn ich mit
dem tunesischen Oudspieler Anour Brahem aufnehme. Die Oud ist tiefer als sonst
gestimmt, aber ansonsten das gleiche Instrument: Es erzeugt keinen stehenden
Klang, sondern kurze, gezupfte Einzeltöne. In diesen Kontext passt das Tenor
finde ich viel besser. Es gibt dem Ganzen eine gewisse Transparenz. Aber wir
müssen beide mehr im selben Register bleiben. Auf mein neues Album bezogen: Die
Bratsche hat einen enormen Tonumfang. und auch in diesem Kontext klingt das
Tenor am besten. Aber manchmal geht es einem ja nicht um den Zusammenklang,
sondern um den Gegensatz, den Kontrast. Dann wähle ich zur Bratsche das
Sopransax. Wie gesagt, das hängt aber alles von der Klangtextur ab die man
erreichen möchte.

"Das Soprano gibt mir die Freiheit höher zu gehen, sozusagen über den Sängern meine Saxophonklänge schweben zu lassen."
sonic: Ohne auf diesem Punkt zu sehr
herumreiten zu wollen – könntest du ein paar Worte zu den Instrumenten sagen,
die du derzeit spielst?
J. Garbarek: Aber gerne (lacht)!
Tatsächlich ist es so, dass ich ungefähr 35 Jahre lang dieselben Instrumente, dieselben
Mundstücke, dieselben Blätter und so weiter verwendet habe. Und ich habe auch
nicht im Geringsten darüber nachgedacht! Letztendlich war mir das Saxophon
lediglich ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck – wie ein Hammer oder so. Man
spielt es und dann ist gut. Aber vor ein paar Jahren habe ich mir einen
Internetanschluss legen lassen, und eines Abends tippte ich – ich hatte gerade
nichts Besseres zu tun – die Begriffe „Saxophon“ und „Mundstück“ in die
Suchmaschine und klickte auf „Go“. Und plötzlich öffnete sich vor meinen Augen
eine ganze Welt, voll mit allen erdenklichen Informationen. Das war höchst
interessant und aufschlussreich! Ich habe mich also auf das Thema eingelesen …
und Mundstücke geordert,mir sogar
gleich nach eigenen Vorlieben und Vorgaben ein paar individuelle Teile
anfertigen lassen. Nach einer Weile stellte ich fest, dass es da jemand gibt,
der für mich die besseren Stücke anfertigt; er verstand offensichtlich genau
was ich meinte. Ich bin schließlich in die Staaten geflogen um ihn zu treffen,
und wir haben ein paar Sachen ausprobiert. Zurzeit spiele ich im Wesentlichen
von ihm gefertigte Mundstücke – mindestens eines ist komplett von ihm
hergestellt worden, das für das Tenorsaxophon. Das Soprano-Mundstück ist von
ihm modifiziert worden. Und jetzt verrate ich auch, wie der Typ heißt: Sein
Name ist Theo Wanne. Er lebt in Philadelphia und ist noch ziemlich jung. Durch
ihn gelang es mir zwei sehr gute ältere Saxophone zu erstehen. Ich spiele sie
inzwischen seit zwei Jahren. Eines ist ein Selmer „Mark 6“ Tenorsax – die
Sorte, die wir alle vorwiegend spielen. Mein Exemplar ist ein sehr gutes, wohl
etwa aus dem Jahre 1959. Das Sopransax ist ein altes Buescher „True Tone“ – wir
schätzen von 1930; zumindest gab es in dieser Aera ein solches. Theo gibt also
für eine ganze Menge Dinge den Anstoß. Parallel dazu beschäftige ich mich über
das Internet gerade intensiv mit Vintage Saxophonen und Mundstücken. Man kann
wirklich sagen, dass ich zu einem Sammler von Saxophonen und Zubehör geworden
bin. Ich habe mir eine ganze Reihe von Instrumenten zugelegt, auch alte
Mundstücke, wie sie meine Vorbilder verwendet haben: Ich möchte einfach
ausprobieren, was sie mit Hilfe dieser Mundstücke umsetzen konnten, auf welche
Weise es ihrem Spiel mehr Gestalt verliehen hat. Und was ich mit dem jeweiligen
Mundstück anfangen kann – das finde ich ziemlich spannend! In den letzten zwei
Jahren ist das Saxophon also tatsächlich zu meinem Hobby geworden (lacht)!
Vorher war es das nie, das alles war mir total unwichtig.
sonic: Vom Jazz kommend hast du
zahlreiche Richtungen ethnischer Musik für dich entdeckt, die du in deine
unterschiedlichen Klanglandschaften mit einbeziehst. Inwieweit ist der
Jazzhintergrund das Fundament dafür, mit der Essenz anderer musikalischer
Philosophien in Kontakt zu kommen?
J. Garbarek: Jazz bildet einen wirklich
hervorragenden Hintergrund! Zunächst einmal lernst du als Jazzmusiker, in
technischer Hinsicht, Musik auf einem sehr hohen Niveau kennen. Dynamik,
Rhythmus, Skalen – mit so etwas kennst du dich dann eben aus. Und du machst
dich vertraut mit dem Konzept des Improvisierens. Du kannst, über den
gewöhnlichen Tellerrand hinaus, mit Leuten spielen, die eine vollkommen andere
Herangehensweise an das Musikmachen haben. Auch erfährst du eine ganze Menge
darüber, wie sie das tun! Außerdem wirst du als improvisierender Musiker immer
einen Weg finden, über dein Instrument auf diese unbekannte Spielweise zu
antworten. Meiner Ansicht nach ist der Jazz-Background in vielerlei Hinsicht
entscheidend. Es kommt vor, dass ich mit Musikern zusammen spiele, die, nur als
Beispiel, aus Indien kommen. Die sind hoch bewandert in ihrer eigenen
musikalischen Tradition, manchmal aber etwas unflexibel. Bei einigen von ihnen
kommt schnell das Gefühl auf, dass ich, wenn ich mit ihnen spiele, schlichtweg
„falsch“ spiele – beispielsweise eine Note, die nach traditioneller indischer
Musiklehre woanders hingehört. Das macht es für sie schwer mit mir Musik zu
machen. Für mich hingegen entsteht da kein Problem; ich arbeite ja nicht mit
ihnen zusammen um allein auf technischen Aspekten beruhende Musik zu machen.
Mir geht es eher um die emotionale Seite und generelle musikalische
Erfahrungen.
sonic: Komponierst du eher mit der
Betonung auf die Melodielinien – im Gegensatz zu Rhythmus und Harmonie?
J. Garbarek: Das variiert tatsächlich
von Stück zu Stück. Bei der einen Gelegenheit klimpere ich vielleicht nur auf
dem Klavier rum – spiele ein paar Akkorde, entdecke eine schöne Verbindung
zwischen zweien davon, und das kann der Nukleus für ein Stück werden. Oder ich
übe gerade auf meinem Saxophon und habe plötzlich einen Geistesblitz … zack
(schnippt mit den Fingern): „Oh, das ist eine nette kleine Phrase – mit der
kann ich was anfangen!“ Für mein jüngstes Album „In Praise Of Dreams“ fing alles
mit den Rhythmen an. Jedes Stück hatte dort seinen Ausgangspunkt. Zuerst habe
ich Gruppen von Tempi mit gleichen Abständen gebildet – so im Bereich zwischen
60 und 120 Schlägen. Darauf basierende Rhythmuspattern lassen sich dann
leichter verbinden, überlagern und so fort. Diese Pattern musste ich dann nur
noch ausschmücken und auskleiden, um sozusagen aus den „Rohbauten“ wirkliche
Räume zu erschaffen. Es können also ganz unterschiedliche Dinge zugrunde
liegen, die als eine Art Katalysator fungieren. Man kann bewusst auf der Basis
des Rhythmus arbeiten, eine Akkordgeschichte zugrunde legen oder aber einfach
das Timbre des Saxophons oder eine Melodielinie entwickeln, um ein Stück darauf
aufzubauen.

Kim Kashkashian
sonic: Gibt es eine Verbindung zwischen
dem eben erwähnten ungewöhnlichen Kompositionsansatz deines neuen Albums und
der ebenso wenig landläufigen Besetzung? Es spielen ja Manu Katché am
Schlagzeug und Kim Kashkashian an der Bratsche mit …
J. Garbarek: Ungewöhnlich? So habe ich
das noch gar nicht betrachtet, wirklich. Manu Katché erwies sich als der
geeignete Schlagzeuger, weil auch er vom Ansatz patternorientiert spielt, also
passend zu den Kompositionen. Marilyn Mazur, mit der ich sonst spiele hat
wiederum andere Qualitäten, sie spielt sehr frei und beweglich, bei ihr fließt
alles. Ich wollte aber ein strukturierteres Ergebnis, und Manu hat in dieser
Beziehung den Stücken eine neue Dimension hinzugefügt. Ich hatte nun also diese
Klangtexturen, die in gewisser Weise an eine vorbereitete Bühne erinnern:
Bereit für den Auftritt der Melodie. Also arbeitete ich in dieser Richtung
weiter, und Kim Kashkashian, die ja eigentlich von der Klassik kommt, fügte mit
ihrer Bratsche noch eine weitere ausdrucksvolle Dimensions hinzu. Sie ist ja
eine hervorragende Musikerin – alles was sie spielt, beginnt zu leben. Nun
blieb nur noch das Saxophon. Daheim habe ich ein brauchbares Mikrophon und ein
wenig Harddisk-Recording-Equipment und so habe ich die ganzen Saxophon-Parts
darüber improvisiert. Wenn also etwas an dieser Platte Jazz ist, im Sinne der
Improvisation, dann ist es das Saxophon. Anders betrachtet ist natürlich alles,
was ein Komponist macht, auf einer bestimmten Ebene genauso improvisiert. Was
ich damit sagen will: Wenn man eine Idee hat, dann ist das eine Improvisation, eine
Eingebung die es einzufangen gilt. Danach ist die Eingebung Geschichte,
genauso, wenn du sie auf Band aufzeichnest. Wenn du dir eine CD mit John
Coltrane anhörst – sicher, es gab immer einen Moment, wo das improvisiert war –
auf der CD ist es fixiert und wird damit zur Komposition. Das Medium führt
sogar dazu, dass diese in viel stärkerem Maße fixiert ist, als wenn du sie
aufnotieren würdest. Wenn du etwas Aufnotiertes spielst kannst du es immer ein
wenig abwandeln, und zwar ohne wirklich zu betrügen. Eine Aufnahme setzt
dagegen einen gnadenloseren Maßstab.

Mit dabei auf Jan Garbareks neuen Album: Manu Katché am Schlagzeug
sonic: Zum Abschluss: Hast du etwas wie
eine Lebensphilosophie, oder würde das zu einer komplizierten Erörterung
führen?
J.
Garbarek: Nein, das ist gar nicht so
kompliziert – im Grunde sogar ganz einfach: Improvisiere! So würde ich
meine
Philosophie umreißen. So viel Wissen und Erfahrung sammeln wie möglich.
Anschließend versuchen, das alles wieder zu vergessen. Aber so hat man
das
Rüstzeug um im entscheidenden Moment instinktiv richtig zu handeln:
Eben
improvisieren. Je nachdem, wo das Leben einen hinträgt. Man kommt so an
ganz andere Orte, man kommt viel weiter. Das jedenfalls ist die
Philosophie die ich
lebe (lacht)!z
Aktuelles Album: Jan Garbarek – „In
Praise Of Dreams“ (ECM / Universal 981 1068)
Info: www.ecmrecords.com
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