Das Magazin für Holz- und Blechblasinstrumente

6/2022 (November/Dezember) - die aktuelle sonic sax & brass Ausgabe, als gedrucktes Magazin oder online lesen. Hier geht es zum digitalen Archiv: www.sonic.de/archiv/ausgaben

Sounds der Befreiung: Pharoah Sanders

Der Nimbus, für ihn sei das Tenorsaxofon ein Medium von Intensitäten kultivierter Schreie, umgab Pharoah Sanders (eigentlich Ferell Sanders, die Redaktion) lebenslang. Die „Ascension“-Session mit seinem Mentor John Coltrane, einst als hymnisch-ekstatische Musik von der Heftigkeit eines 40 Minuten währenden Orgasmus charakterisiert, war eine spirituelle Aspiration auf den Himmel der Improvisation, die den Atem verschlug und das Tor zum Free Jazz, zu Sounds der Befreiung weit öffnete. Zugleich war dieses Album ein vehementer Protest gegen Menschenverachtung – der Vietnamkrieg wurde damals zum Trauma der USA. Die Spieltechniken und Registerextensionen fürs Tenorsaxofon überboten alle bis dahin konventionellen Maßstäbe: Überblas-Effekte und Cluster bestimmten die gemeinsamen Konzerte (etwa „Olantunji“, New York 1967), und Pharoah Sanders war, neben John Coltrane, der Avantgarde-Protagonist par excellence. Diese extremen Energiepegel waren auf Dauer nicht durchzuhalten, weder physisch noch als Klangperspektive. Nachdem John Coltrane gestorben war, steuerte der Trend in den 1970ern wieder auf hörbare Melodik und periodische Rhythmik.

Zunächst lernte Pharoah (Farrell) Sanders, geboren in Little Rock (Arkansas) 1940, Klavier, Klarinette und Schlagzeug in der Familie. Zum Tenorsaxofon (und zur Flöte) wechselte er als Jugendlicher, studierte in Oakland (Kalifornien), wo er in Jazzclubs Kontakt zur progressiven Szene um Dewey Redman fand, und ab 1962 in New York zu Sun Ra, dem Hohepriester galaktischer Spiritualität. Hier ist auch die Verbindung zum modalen und daraus folgenden atonalen Coltrane-Stil zustande gekommen, den Pharoah Sanders mit der Witwe Alice Coltrane eine Zeit lang partiell modifizierte. Eigene Bands etwa mit dem Pianisten John Hicks, dem Bassisten Wilbur Ware und Schlagzeuger Billy Higgins und anderen blieben in dieser Sphäre haften. Hinzu kam allerdings sein Interesse für afrikanische und arabische Idiome, sodass sein fast puristischer Sound, eigentlich an elementaren Körper- und Seelenregungen orientiert, milder und nachgiebiger wurde. So weit, dass er beim „Floating Points“-Projekt des britischen DJ Sam Shepherd mit dem London Symphony Orchestra sich zu „einer mantraähnlichen Erzählung“ (Ulrich Steinmetzger in sonic) bewegen ließ. Schon 2019 befand sich Pharoah Sanders laut Albumtitel „In The Key Of The Universe“, wo er, genauer in Los Angeles, am 24. September 2022 seine Ruhestätte fand.

(Hans-Dieter Grünefeld, in sonic sax & brass, Ausgabe 6.2022)